Text der Plattenhülle "Swing That Music"

Immergrün-Chronik:
Den Gedanken, eine Band mit dem Namen "Jazzkränzchen Immergrün" zu betreiben, hatte erstmals der Holländer Erasmus von Rotterdam (1467-1536). Ihm fehlte allerdings die Initiative, diesen Gedanken in die Tat umzusetzen. Es ist auch fraglich, ob Erasmus sich mit seiner eigenwilligen musikalischen Auffassung, wie er sie in seinen Schriften vertritt, hätte durchsetzen können: Melodieführung im Kollektiv beim Banjo (Charly Schmid teilt diese Erasmussche These), Abbau des Schlagzeugs während der Soli, Schlusschorus ohne Musiker.
Durch das Studium der Erasmusschen Schriften angeregt, griff erst Schopenhauer um die Mitte des 19. Jahrhunderts den Gedanken an eine Immergrün-Band auf und realisierte die erste - leider nicht lebensfähige - Besetzung. Da die Proben in vollkommener Abgeschlossenheit von der Außenwelt stattfanden, die Mitspieler überdies zu strengstem Stillschweigen verpflichtet waren, ist leider kaum etwas Näheres über jene Urformation überliefert. Verschiedene Musikhistoriker bezweifeln sogar, dass auf den Proben musiziert wurde (J.E.Behrendt, Das Jazz-Buch, 1973, Desch-Verlag, S. 463-472). Andere Wissenschaftler hingegen behaupten, dass die erste Richard-Wagner-Band sich in ihrer Konzeption weitgehend an jene Vorläufer der heutigen Immergrün-Jazzband angelehnt und ganze Arrangements komplett von ihnen übernommen habe (Ruland, "Pessimisten, Wahnfriede, Saxophone", 1984, Universal-Edition, Bd. II, S. 869)
Erst 1962 brachten Hako R. und Charly S. ein richtiges Orchester der Jazzart auf die Beine, das eine leidliche Musik produzierte. Im Laufe der Jahre 1963 und 1964 ereigneten sich einige bedauerliche Zwischenfälle, u.a. wurde dem damaligen Schlagzeuger Wacki H. von dem Banjospieler Charly S. die linke Hand abgehackt. Charly S. hatte auch den Verlust des ersten Trompeters auf dem Gewissen: In einem Ehrenhändel schoss er Hubert St. einfach über den Haufen. Sein Nachfolger, Norbert M., den man für 10 $ einem fahrenden Zigeunervolk abgekauft hatte, verschwand nach kurzer Zeit auf nie geklärte Weise. Dasselbe geschah mit dem Klarinettisten Peter I..
So musste im Jahre 1966 das Orchester reformiert und das ausgefallene Personal ersetzt werden. Heps H.., ein weithin bekannter Konfliktforscher, der keinem Streit aus dem Weg geht und Egon W., ein gefürchteter Frauenheld, traten an die verwaisten Instrumente. Den leicht schizophrenen Sir Henry fesselte man an das Schlagzeug. Eine Zeitlang ging alles glatt, die Musik wurde zusehends miserabler, die Schlägereien unter den Musikern nahmen an Heftigkeit zu. Im Frühjahr 1968 wurde der Banjo-Spieler Charly S. aus einem fahrenden Zug geworfen und durch Helmut H. ersetzt, dessen Tätigkeit sich darin erschöpfte, das bis dahin von angelsächsischen Begriffen bestimmte Repertoire des Orchesters in die deutsche Sprache zu übersetzen. Der an das Schlagzeug gefesselte Sir Henry bekam immer häufiger Hustenanfälle. Er störte damit die ohnehin witzlose Musik dermaßen, dass man ihn eines Abends nach einem Konzert wortlos an einem Laternenpfahl aufknüpfte. An seine Stelle trat Amadeus B., den man irrtümlich - wegen seines Namens - für einen Musiker gehalten hatte.
Musikalisch ging es unaufhaltsam weiter abwärts. Zuvor nicht dagewesene negative Maßstäbe setzte Jürgen B. und Jörn P., die das gemeinsame Musizieren nach kurzer Zeit für überflüssig und sogar störend erklärten. Schließlich raffte sich Hako R., der zum eigenen Erstaunen immer noch auf dem Posaunistenstuhl saß, in den 70er Jahren nochmals zu dem Versuch einer Reform auf.  Mit Gerald G., Werner G., Theo P., Gerhard R., Sepp K. und Manfred D. formierte er ein Ensemble, dessen öffentliche Auftritte allgemein gefürchtet waren und häufig nur durch Polizei-Einsätze unterbunden werden konnten. Auch durch Kurt P. und Uli R., die Kornett bzw. Sousaphon spielen zu können behaupteten, wurde der musikalische Ausverkauf nicht mehr aufgehalten, sondern nur noch beschleunigt. Den absoluten musikalischen Nullpunkt erreichte das Immergrün-Orchester mit seiner derzeitigen Besetzung, die selbst von früheren, bekanntermaßen unkritischen Ensemblemitgliedern als absolut untragbar bezeichnet wird. Gleichwohl ist die Auflösung des Orchesters nach wie vor nicht beschlossene Sache. Die weitere Entwicklung bleibt abzuwarten.

Spaß beiseite! Die beiden Seiten der LP sind ein recht guter Beleg dafür, dass die Amateur-Jazzszene der späten 50er und 60er Jahre - oft als "Bier-Jazz" verschrieen - einen erstaunlich langen und gesunden Atem hat. Die Live-Aufnahmen der "Veteranen" auf der B-Seite sind genauso hörenswert wie die Studioaufnahmen der derzeitigen Immergrün-Besetzung auf der A-Seite. Hubert Stimmelmayrs Trompete in China Boy", Jörn Pfennigs Klarinettenchorus im "Wang Wang Blues" und Dieter Lauterbachs schöner Alleingang im "Savoy Blues" (Dieter Lauterbach sprang auf dem Immergrün-Fest für den verhinderten Kurt Petzuch ein) machen deutlich, dass Louis Armstrong recht hatte, als er in einem Interview über die Perspektiven seiner Musik erklärte: "We must encourage the younger folks and this music will always live".
Nur - "the youger folks" sind, wie das Frontcover-Foto zeigt, inzwischen auch in die Jahre gekommen. Nachwuchs tut not!
Satchmo sind die Titel der A-Seite gewidmet. "Panama" ist ein bewährter Dixieland-Reißer, den die Armstrong All Stars häufig gespielt haben. "If We Never Meet Again" und "Gate Mouth" sind  weniger bekannte Kompositionen von Louis Armstrong. Vor allem "If We Never Meet Again" wird selten gespielt. Von allen Stücken der Platte gefällt mir selbst dieses am besten. Gerald Groß spielt ein melancholisches Solo auf dem Sopransaxophon, ich selbst verstolpere mich am Ende meines Solos in einem Break à la Bix Beiderbecke. Hörenswert ist auch Charly Schmids Gitarrensolo in "Melancholy Blues". Dabei gehörte ihm die Gitarre nicht einmal. Sie wurde im Studio vorgefunden und anstelle des Banjos eingesetzt. Um echte New-Orleans-Atmosphäre haben wir uns in "Bourbon Street Parade" bemüht. Das Stück enthält keine Soli. Die Band spielt sozusagen zuerst in einer Seitenstraße, biegt um die Ecke, marschiert am Zuhörer vorbei und verschwindet wieder um die nächste Straßenecke. Mit Louis Armstrongs Erfolgsnummer "Swing That Music", in der Hako Ruther auf seiner Posaune Dampf macht, endet die Studio-Session. Viel Spaß beim Zuhören!

Jürgen Buchholtz

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